Freitag, 31. August 2007

Von Spritzen und anderen Fragen

Mein Kieferchirurg ist ein großer, ungelenker Kerl. Vermutlich um die Fünfzig, mit leicht nach vorn gebeugten Schultern und ein spärlich blonden Locken. Ein beachtlicher Teil seiner Haare befindet sich in einem undefinierbaren Übergangsstadium. In Richtung Grau. Er hat stechend grüne Augen und auffällig lange, schmale Finger. Ich frage mich, ob es eigentlich üblich ist, sich von seinem Arzt betatschen zu lassen. Breitbeinig auf einem kleinen Drehstuhl hockend, liegen seine Hände auf meinen Brustkorb. „Na, dann wollen wir mal. Ihr Weißheitszahn dürfte gleich Geschichte sein.“ Möglich, er hat nur im Sinn, mich zu beruhigen. Schließlich zupfe ich seit ein paar Minuten imaginäre Fussel von meinem schwarzen Kordrock. „Die Stiefel hätten es auch verdient mal wieder ordentlich geputzt zu werden.“, schießt es mir durch den Kopf, und dass ich nicht hier sein will. Da habe ich auch schon die chirurgischen Hände vor meinem Gesicht. Die, und eine kleine, gemeine Spritze.

Eine Kanüle, festgeklemmt in einem chromfarbenen Schiebemechanismus, mit einer dünnen, aber ausgesprochen spitzen Nadel. „Was ist das denn für ein Ding.“ Ein solches Gerät habe ich bisher noch nie zu Gesicht bekommen und es wäre mir auch lieber, es wäre dabei geblieben. „Praktisch, nicht wahr.“ Das glänzende Gerät wird vor meinen Augen aufreizend hin und wieder zurück gedreht. Der Daumen in den abgerundeten Griff gesteckt. „Wissen Sie, was das Tollste daran ist.“ Ich schüttele den Kopf. „Nein.“ Was kann noch toller sein, als die vielen Ampullen auf der Ablage des Rollschränkchens, die hundert verschiedenen Haken und Zangen auf dem großen Tablett, oder der Geruch, der mich schon weit vor Betreten dieser Praxis empfangen hat. „Man kann die Dinger mit nur einer Hand bedienen.“ Die Augen des Mannes blitzen und er zieht mit einer kurzen Bewegung des rechten Daumens, den Stempel der Spritze nach oben. Ganz dicht fuchtelt er damit vor mir herum, sein Gesicht verschwörerisch nah neben meinem Ohr. „Früher musste man für solche Eingriffe immer beide Hände an der Spritze haben und konnte den Mund des Patienten nur schwer offen halten. Da hat man schon mal daneben gespritzt.“ Über meine Linke wird dem Arzt ein röchelnder Absaugschlauch angereicht und zwischen meinen verschreckt aufgerissenen Lippen platziert. „Nehmen Sie, verdammt noch mal, diesen Gummipfropfen ab.“ Die Assistentin patzt zurück. „Aber.“ Das ist allerdings alles, was aus ihrem perfekt dunkelrot geschminkten Mund kommen kann. „Ist mir egal.“, fährt der Chirurg sie an. „Ich sage, ich will das so und dann wird das genauso gemacht.“ Über meinem Kopf schießen zwei helle Blitze hinweg und ich würde nichts lieber tun, als mich höflich zurückziehen. Bloß, die langen Finger in Einmalhandschuhe verpackt, nähern sich vollkommen ignorierend meinem Mund, dem Wangeninneren, dem Zahnfleisch. Das Zeug aus der Spritze schmeckt scheußlich nach pissgelben Krankenhauswänden und Blut. „Wir warten jetzt kurz und dann kann es sofort losgehen.“ Mein Arzt verlässt erklärungslos das Behandlungszimmer.

Drei Minuten später lässt er sich mit einer ziemlich soliden Zange wieder neben mir nieder. Ohne irgendetwas zu sagen, testet er das Innere meines Mundes aus. „Aua.“ Er lässt sofort von mir ab und wirft mir einen Blick zu, den ich nicht einordnen kann. „Da müssen wir wohl noch einen Moment abwarten.“ Das müssen wir wohl. Er kratzt sich an der Augenbraue und schickt ein paar unbestimmte Blicke hinaus aus dem Fenster. Es regnet kräftig auf die Zweige einer nackten Pappel. „Wussten Sie, es gibt hundert alte Wege, um Fell zu gerben.“ Er wendet sich zu mir zurück. „Es gab so genannte billige, aber auch edle Verfahren. Die Felle für Leute, die Geld hatten.“ Ich kaue mir vorsichtig auf der Wange herum, aber noch verspüre ich lediglich ein lahmes Bitzeln, das eine Betäubung erahnen lässt. „Da, die Rinde von einer Pappel, damit hat man die Felle braun gemacht. Das war noch ehrliches Handwerk. Nicht so ein Gepfusche, wie Sie es heute an jeder Ecke finden. Da legte man noch Wert auf Tradition.“ Er greift erneut die Zange vom Rollschränkchen und wackelt verhalten an dem zu ziehenden Zahn herum. Ich kralle meine Fingernägel in das Sitzleder unter mir. Beschwichtigend schüttelt er den Kopf. „Das mit dem rötlichen Fell, darauf komme ich später zurück.“, sagt er und ich bleibe ein weiteres Mal mit seiner freundlichen Assistentin zurück. Sie trägt eine schmale silberne Kette um den Hals, mit einem winzigen Delphinanhänger. Sie lacht. „Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben bis fünf Uhr Zeit.“ Es ist noch nicht einmal zwei Uhr mittags.

Um halb drei kann ich meine Zunge noch immer perfekt spüren. Und reden. „Was machen wir jetzt?“, sucht mich Vergiftungsparanoia heim. „Da wird uns nichts anderes übrig bleiben, als weiter zu betäuben.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich sehen will, was in diesem Moment auf meinen Mund zukommt. „Das haut Sie nicht aus den Schuhen. Versprochen.“
Ich nehme nur eine neue Spritze wahr. Dieses Exemplar ist dicker als ihre Vorgängerin, aber was noch viel unangenehmer ist: ihre Nadel ist dramatisch länger und wesentlich dicker. Wäre ich in diesem Augenblick uneingeschränkte Herrin über den freien Willen, würde ich dieser Frechheit mit einem deutlichen Klaps ein Ende setzen. Finger weg. Ich brauch das nicht. Ich will das nicht. „Mal sehen, was passiert. Wie Ihnen diese hier bekommt.“, scherzt der Chirurg an einer Stelle, an der die Assistentin zu meiner Linken nur Mitleid aufbringen kann. Sie hat ein schier unerträglich, verständnisvolles Glänzen im Blick. Mich drückt das dringende Bedürfnis sie zu trösten und ihr zu sagen, dass das schon in Ordnung ist. Ich war schon häufiger in meinem Leben einsam. Ein fieses Stechen zwischen zweien meiner Backenzähne hält mich davon ab, auf ihre Sorge einzugehen. Lediglich ein schmerzverzerrtes Gurgeln bringe ich noch hervor.

„Fragen Sie nicht, warum. Das führt zu nichts.“, betritt der Arzt dieses Mal das Behandlungszimmer, mich sehr bestimmt belehrend. Ich befinde, dass das Grün seines Strickpullis sich mit den dunkelgrünen Bezügen des Behandlungsstuhles beißt und, dass ich mit diesem philosophischen Ratschlag gerade nichts zu tun haben will. Ich würde schon gerne erfahren, warum die verdammten Spritzen nahezu keinerlei Wirkung zu haben scheinen. Schließlich bin ich es, die sich nach der dritten Spritze, noch immer auf die Lippe beißen und den Schmerz deutlich spüren kann. „Bei Kiki“, der Mann deutet auf seine Assistentin, „habe ich im vergangenen Jahr für eine Extraktion geschlagene sechs Stunden gebraucht, bis wir endlich operieren konnten.“ Seine Hand liegt erneut komfortabel auf mir. Die Frau mit der akkuratesten Fönfrisur, die ich je gesehen habe, nickt bestätigend und krümmt sich dabei nicht das winzigste Härchen. „Ich sage Ihnen, das war ein wirklicher Klopper.“, tätschelt der Chirurg meine Schulter, bevor er erneut nebenan verschwindet. Ich höre ihn auf Englisch über einen vereiterten Nerv referieren. Holprig, aber sachkundig beruhigend. Eigentlich. Es ist trotzdem nichts, was ich in meiner Situation wirklich wissen möchte, ich konzentriere mich auf die Aufhängung der Deckenbeleuchtung.

„Sehen Sie, während Sie hier warten, haben wir dem kleinen Kerl nebenan mal eben so einen eitrigen Nerv entfernt. Wir vergeuden keine Zeit.“ Schon steht mein Chirurg wieder an meiner Seite. Ich spüre erste Anzeichen von Ungeduld. Mir fällt auf, für jemanden mit seinem Beruf hat er ziemlich gelbe Zähne. „Ihr Begleiter ist für eine Zigarette vor die Tür gegangen.“, ruft mir die Sprechstundenhilfe hinter dem polierten Wurzelholztresen fröhlich durch den Türspalt zu. Und wie zur Bestätigung meines gerade gewonnenen Eindrucks setzt der Chirurg hinterher: “Eine Zigarette. Ach, die könnte ich jetzt auch gebrauchen.“ Dabei fixiert er mich mit konzentriert gerunzelten Augenbrauen und ich bin kurz davor, ihm eine Gauloises aus meiner Handtasche anzubieten. „Wenn Sie wollen.“ Er winkt ab. „Ach was. Wir wollen Sie jetzt hier erst mal versorgen. Ich will Sie nicht noch Ewigkeiten quälen.“ Die Assistentin schickt mir ein tröstendes Lächeln und beginnt ihrerseits mir die Wange zu streicheln. „Ich versuche es jetzt noch einmal. Ansonsten müssen Sie noch einmal wiederkommen.“
Das ist das Allerletzte wonach mir der Sinn steht, also reiße ich meinen kleinen Mund speerangelweit auf und schicke eindringliche Warnungen an meinen Körper, dass ich nicht bereit bin, dieses Szenario noch ein weiteres Mal auf mich zu nehmen. Um keinen Preis komme ich zurück, nur weil meine Wange sich nicht betäuben lässt. Nicht mit mir!
Mitten im masochistischen Ausstaffieren dieses Alptraums werde ich jäh von einem lauten Knacken unterbrochen. Stolz legt der Chirurg ein blutiges, weißes Etwas auf meinem Dekollete ab. „Der Kerl hat tatsächlich schon bessere Zeiten erlebt.“ Als hätte ich gerade mein erstes Kind zur Welt gebracht, klopft der Mann mir anerkennend auf die Schulter. „Aber, ich habe Ihnen gesagt, das Ziehen an sich wird ein Leichtes.“
Ich flehe die Assistentin mit meinem Blick inständig an, dieses Ding von mir zu entfernen und mich endlich meiner Wege ziehen zu lassen. Für einen winzigen Wimpernschlag bilde ich mir ein, ich würde nach überstandener Tortour einfach davonkommen. Sie reicht mir einen Pappbecher mit Wasser. „Warten Sie. Bleiben Sie lieber noch einen Augenblick liegen. Man weiß nie. Das war eine ordentliche Ladung Anästhetikum.“ Ich gebe mich geschlagen, ein Gefühl, das ich in den vergangenen zwei Stunden geradezu perfektionieren konnte, und versuche mit geschlossenen Augen all das unterschiedliche Grün, den Geruch und den Wurzelholtresen auszublenden.

„Machen Sie es gut.“ Mein Begleiter hilft mir in den Mantel, während ich mich von dem Chirurgen verabschiede. Der steht mitten im Gang und zieht lustvoll das nächste Paar beigefarbener Gummihandschuhe über seinen ausgestreckten Fingern glatt. Dabei schickt er ein kleines Quietschen durch den Raum. „Und glauben Sie mir. Fragen Sie nie nach dem WARUM.“ Er winkt und verschwindet zu seinem nächsten, unbekannten Patienten. Oder einem, der gestern schon da war. Es macht nicht den Eindruck, als könne irgendetwas diesen Mann von seinem Weg abbringen, während ich auf meinen Weg zum Fahrstuhl irgendwie das Gefühl habe, zu spät gekommen zu sein.

Exhibitionistische Tendenzen

„ Ich denke, ich werde jetzt gehen.“ Der Satz kommt überraschend spitz aus meinem Mund, aber ich bin müde und langweile mich. Keine Ahnung wie lange ich schon auf den Knien des Mannes hocke und wann er damit angefangen hat, seine Hand unter mein T-Shirt zu schieben und meine Brüste zu kneten. Nicht, dass mir das unangenehm wäre, aber nach dem vierten Glas Wodka finde ich Fummeln anstrengend. „Ich will in mein Bett.“, erhebe ich mich schwankend und stecke die lackierten Fußzehen zurück in die hochhackigen Stilettos. „Und komm nicht auf die Idee, dass sei irgendwie eine Einladung.“ Es ist abstoßend meine Lippenstiftfarbe in seinen Mundwinkeln zu entdecken. Ich kneife die Lider zusammen und wundere mich, warum ich manchmal so feindselig bin. „Nein, nein, schon in Ordnung.“, murmelt er und bringt seinen Hosenbund in Ordnung.

Nach der überfüllten Hitze im dritten Stock schlägt mir vor dem Haus die feuchte Kälte eines Novembermorgens scharf entgegen. Irgendwo schreit ein Baby und es riecht nach eingelegtem Sonntagsfleisch. Die Vorstellung auf dem Absatz umzudrehen hängt inmitten meines nebeligen Atems und für einen Moment überlege ich, ob ich wieder hinauf gehen soll. Zurück zu den betrunkenen Fingern. Doch das wäre gegen die Regeln. Und gegen den Spaß. Also trete ich entschlossen den Heimweg an.

Als Kind fand ich es amüsant, überall herumzuerzählen, meine Familie sei fürchterlich katholisch. Ein Haus voller Kruzifixe, Demut und gedünstetem Fisch am Freitag. Oder ich habe mir den Bauch gehalten, behauptet, ich hätte seit Tagen nichts gegessen. Besonders die besorgten und mitleidigen Blicke der Lehrer, Erwachsene die mir liebevoll über den Kopf streichelten und ein Fünf-Mark Stück in die Kinderfaust drückten, machten dieses Spiel zu einer wahren Lust. So tun als ob, bis es langweilt.

Das Geräusch meiner Absätze biegt mit mir, nach links, in eine kleinere Straße ab. „Nur noch Minuten.“, freue ich mich bei dem Gedanken an die Stille und an die Wärme in meiner Wohnung. Auf der Party ist es laut gewesen. Ich male mir aus, mit der Erinnerung von Lärm und Leuten in meinem Bett zu liegen. Mitten in die aufflackernde Freude über eine halbe Flasche Wodka im Kühlschrank, schiebt sich ein pelziges Unbehagen in den Hals und ein Frösteln unter meine Haut. Meine Schritte sind nicht mehr die Einzigen, die von den hohen Häuserwänden hallen. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig läuft ein Mann.

Er schleicht über das alte, holprige Pflaster. Instinktiv beschleunige ich die Frequenz. Der Rhythmus auf der anderen Straßenseite wird ebenfalls schneller. Ich laufe langsam, die anderen Schritte merklich ruhiger. Ich schneller, er schneller. Ich langsamer, er langsamer. Ein Auto kommt von hinten herangefahren und für einen kurzen, unbeteiligten Augenblick unterbricht der verbeulte, weiße Wagen unseren Rhythmus. In der Hoffnung, dass es nicht auffällt, drehe ich meinen Kopf leicht zur Seite. Es ist nicht viel, was der Fremde auf der anderen Seite preisgibt. Auch wenn er alle paar Meter unter das Licht einer Laterne tritt, der Moment taugt nicht, um die Sinne scharf zu stellen. Allein, er hat die Schultern außergewöhnlich hochgezogen und versteckt sich, wie ein lauerndes Tier, zwischen den Polstern einer grünen Armeejacke. Mir fällt ein, ich habe mich von niemanden auf der Party verabschiedet. Ausgenommen von dem mit den betrunkenen Fingern, aber was die gerade treiben, will ich lieber nicht wissen. Also marschiere ich am Blumengeschäft und der, mit einem rostigen Eisengitter verschlossenen, Postfiliale vorüber und umklammere dabei den Schlüsselbund in meiner Handtasche. Das Geräusch der fremden Schritte fest im Ohr.

Meine nackten Zehen schieben sich über den Rand der Stilettos und kratzen über das Kopfsteinpflaster. Ein sauer, scharfer Geschmack drängt über den Schmerz, aus der Magengegend durch die Kehle, auf meine Zunge. Mir ist speiübel und ich muss alle Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht sofort auf die Straße zu kotzen. Kopf an Magen. Drei Hausnummern. Das schafft man doch. Noch ein paar Schritte unerschrockene Sicherheit simulieren und sich nichts anmerken lassen. Drei Meter, ein Meter, einen halben Meter vor dem Ziel strecke ich die Hand nach dem Schloss aus. Zentimeter vor der Haustür, spüre ich den feuchten Atem des Fremden drängend hinter meinem linken Ohr. Die eben besiegt geglaubte Übelkeit schießt zurück an den Gaumen.

„Junge Frau.“ Ich zwinge mich zu einem tiefen Luftzug und dazu, meinen Gesichtszügen einen drohenden Ausdruck zu verleihen. Erst dann drehe ich mich um und bemerke erstaunt, wie klein der Fremde ist. „Entschuldigen Sie bitte die Störung. Guten Morgen.“ Er räuspert sich. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber wissen Sie, ich bin Exhibitionist.“ Mir gelingt es kaum ein kehliges: „Ja und.“, hervorzupressen. Der Mann holt seinerseits tief Luft. „Ich. Also, ich weiß nicht genau wie ich es sagen soll, aber würden Sie vielleicht kurz schauen.“ Ich verschlucke mich. Husten. „Wie bitte?“ Die Stimme zwischen der olivgrünen Jacke und der tief über die Ohren gezogenen Strickmütze ist gläsern und brüchig. „ Ich bin Exhibitionist und laufe seit Stunden durch diese Kälte. Niemand ist auf der Straße. Niemand, verstehen Sie.“ Dieses Mal verschluckt er sich. „Und deshalb, würden Sie vielleicht einen kurzen Blick werfen.“, unternimmt die Stimme einen zweiten Versuch. Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber in meinem Gesicht macht sich ein Grinsen breit. „Bitte, wie?“ Der Mann hinter der Stimme ist blass, vielleicht Anfang fünfzig. Er sieht müde aus. Er räuspert sich umständlich und wackelt dabei mit dem Kopf. Ich schiebe die Hände ein Stückchen tiefer in die Taschen meines nagelneuen Lammfellmantels. „Könnten Sie vielleicht kurz einen Blick werfen.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch und spüre den gleichen Tonfall in der Stimme, den ich schon auf der Party bemerkt hatte. Das gleiche seifige Gefühl, einer sinnlosen Sache überdrüssig zu sein.

„Nein danke, ich denke das ist nichts für mich.“

Die schwachblauen Augen flackern nervös.
„Vergessen Sie es.“

Ich habe den Eindruck in das Gesicht von Bugs Bunny zu sehen.
Nur die langen, abstehenden Ohren sind nirgends zu entdecken.

„Außerdem, ich dachte Ihr Jungs seid auf Frauen aus.“

Das Gesicht zuckt getroffen. „Aber Sie sind doch eine Frau.“

In meinem Kopf beginnt sich etwas zu drehen. Immer schneller. Demonstrativ drücke ich das Kreuz durch, weil mir meine Mutter in den Sinn kommt. Die findet, dass das Leben zu kurz ist und zu ernst, um sich irgendwelche Identitäten zu zulegen. Um irgendwelche Spiele zu spielen.

„Ich bin ein Mann. Ein Kerl, verstehen Sie.“

Das Gesicht über der Jacke widerspricht. „Ich sehe das doch ganz genau. Sie sind eine Frau.“ Ich zucke mit den Achseln. Das Bugs Bunny Gesicht verschwimmt und seine Mundwinkel flattern „Sie sind eine Frau, die stinkt wie eine Eckkneipe.“, spuckt es mir entgegen. Ich muss feststellen, dass sich auf meinen Zehen eine blutige Kruste bildet. „Und eine, die glaubt was Besseres zu sein. Besser als die Anderen. Pah!“ Der Fremde kneift die Lider über den winzigen Augen zusammen und unterbricht seinen schmetterlingshaften Wutanfall. Abrupt. Er schweigt. Und schweigt. Und schweigt. Mich beschleicht das Gefühl, unerwünscht zu sein. Ich starre auf die geschlossenen Augenlider. Es macht nicht den Eindruck, als würden sie sich je wieder öffnen.

Die verlassene Leere meiner Wohnung kommt wie ein Schock. Der Gedanke daran, dass der kleine Mann noch immer unten auf der Straße steht und seine Augen zusammenkneift, hält mich davon ab, das Licht einzuschalten. Bis in die Küche und zu den Holzstühlen, die dort seit einer lange verschütteten Liebe herumstehen. Ich greife einen der alten Dinger. Auf dem Weg, zurück durch den Flur, bleibe ich an einem Kabel hängen. Das Telefon kracht laut auf den Boden, aber ich konzentriere mich mit zitternden Fingern darauf, die Stuhllehne unter der Klinke der Korridortür zu verkanten.

Schweißperlen auf der Stirn und im Nacken, wage ich mich schließlich an das Balkonfenster.

Der Bürgersteig vor dem Haus, die Straße, der Weg bis zur nächsten Straßenecke sind verlassen. Menschenleer. Er ist fort. Nichts macht den Anschein, als sei er überhaupt jemals da gewesen. Verwirrt lasse ich mich auf mein Bett fallen. Die Satinbezüge sind eiskalt. „Ich hätte unbedingt den Ofen heizen sollen.“, ertrage ich die Stille nicht und weil es zum Kühlschrank und meiner Wodkareserve viel zu weit ist, greife ich nach der Fernbedienung.

Vor mir eine grüne, freundlich langweilige Sommerlandschaft. Blaues Licht erobert den Raum. Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands. Ich mag das Programm. Niemals sind Menschen neben den Gleisen oder an den Bahnhöfen zu sehen. Niemand, neben dem man sich einsam fühlen kann. Durch die Dunkelheit hindurch, lege ich meine Hand auf den Bildschirm, unter den Fingerkuppen knistert es angenehm. Die dicken roten Ziffern des Radioweckers zeigen drei Uhr zehn. Es ist noch früh. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf.

Es ist früh genug, um morgen rechtzeitig aus dem Bett zu kommen und sich ins Auto zu setzen. Meine Mutter wird mit erstaunten Augen in der Tür stehen und sofort in den Keller eilen, um einen Pflaumenkuchen vom vergangenen Sommer aus der Tiefkühltruhe zu holen. Es wird nach warmer Hefe und viel zu dünnem Kaffee riechen und aus dem beigefarbenen Küchenradio werden leise die Töne irgendeines Sonntagskonzertes tropfen. Umhüllt von der vertrauten Mittelmäßigkeit meiner Kindheitserinnerungen, stelle ich den Wecker, ziehe ich die Beine an und gähne genussvoll. Es kann mir überhaupt nichts passieren.

Schildkrötenliebe

„Wir lieben sich eigentlich Schildkröten?“, kommt es von links. „Was bitte?“ Ich sitze mit meiner besten Freundin Thea im Zoo, es ist Sonntagnachmittag und die Sonne knallt von einem wunderblauen Sommerhimmel. „Wie sich Schildkröten lieben? Ich meine, diese Panzer. Ich habe mich immer gefragt, wie die das machen.“

Ich schaue in Theas Augen, deren Farbe mit dem Himmel in Konkurrenz treten könnten und wundere mich.“ Du meinst, wie Schildkröten ficken.“
Sie grinst verständnislos und stopft sich eine Handvoll Popcorn in den Mund. „Ach, du nun wieder. Das ist doch das Gleiche.“ Ich erhebe mich von der grünen Holzbank und schüttele den Kopf. Ob das das Gleiche ist, bin ich mir nicht sicher. „Komm, lass uns die verruchten Dinger gleich mal anschauen.“ Ich marschiere los in Richtung des Aquariums, in der Hoffnung, dort eine Antwort auf Theas Frage zu bekommen.

Auf dem Weg müssen wir beiden uns durch Kinderwagen, Hunde und andere Familienausflügler kämpfen, am Affengehege herrscht ein solches Tohuwabohu, dass kaum mehr auszumachen ist, wer vor und wer hinter den Gitterstäben Faxen macht. „Affen finde ich traurig.“, bemerkt Thea. „Also, zumindest im Zoo.“ Ich entschließe mich an dieser Stelle nicht nachzuhaken und kann gerade noch einem Knaben ausweichen, der mit seinem Roller über den Kies schießt.

Der Eingang am Aquarium ist glücklicherweise verwaist und der Mann an der Kasse heilfroh, endlich zwei Karten zu verkaufen. „Bei solchem Wetter kommt man sich ja regelrecht unnütz vor.“, murmelt er durch sein graues Schnauzbärtchen, „aber nun hat es sich ja doch gelohnt, meine Damen.“ Dem schickt er ein zweideutiges Grienen hinterher, das in seinem Alter allerdings an Unverschämtheit verliert. Thea legt spendabel das Eintrittsgeld vor der Scheibe ab, die uns von dem Alten trennt. „Is ja schließlich meine Frage.“, zwinkert sie verschwörerisch, kokett. Ich nicke und schiebe meine Freundin schleunigst zum Aufzug, bevor sie auf die Idee kommt, den Alten nach den Schildkröten zu fragen. Der Fahrstuhl hat schon bessere Zeiten gesehen, als ich auf den Knopf für das Stockwerk I Reptilien und Insekten drücke, ruckt er kurz an, stöhnt einen Moment, ruckt ein zweites Mal an und setzt sich erst dann schwerfällig in Bewegung. Manchmal würde ich Treppensteigen bevorzugen.

Oben angekommen stürzt Thea ohne Rücksicht auf Verluste den grünlichen Gang entlang, ich folge ihr. Langsam. Vorbei an glitschig aussehenden Tomatenfröschen und pelzigen, dicken Spinnen. “Komm schnell, Frau Hohlfelder. Beeil dich!“ Thea fuchtelt aufgeregt mit ihrem Zeigefinger in der Luft herum. „Ich glaube es nicht, wie auf die Bestellung. Ich schwöre dir, das tun die für uns.“ Ihre Augen kleben auf der großen Scheibe des Schildkrötenterrariums, auf ihren Wangen flackern unregelmäßige, ausgefranste rote Flecken. Ich folge ihrem Blick und tatsächlich, direkt vor uns, hinter der großen Scheibe turnen zwei der beeindruckenden Exemplare herum. Thea legt ihren Kopf schief und die Stirn in Falten.

„Also jetzt mal ehrlich, das sieht ziemlich unerotisch aus. Findest du nicht?“ Die hintere Schildkröte hat große Mühe sich auf dem Rücken der anderen zu halten und macht einen eher angestrengten, denn einen verzückten Eindruck. Der lange Hals, das wulstige Maul, ich könnte schwören sie hat Ähnlichkeit mit dem Alten an der Kasse. Irgendetwas lässt mich den Tieren diesen Anblick übel nehmen und ich muss mich wegdrehen. „ Na komm. Du hast es echt besser getroffen.“ Thea kickt mit ihrem signalroten Turnschuhfuß leicht gegen mein rechtes Bein, wofür ich ihr einen latent pädagogischen Blick zurückwerfe. „Wieso ich.“ Manchmal ist es unmöglich dem Zickzackkurs dieser Gedanken zu folgen. Thea streicht eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht und lacht mich breit und fordernd an. „Na, du kannst deine blöden Holzbeine beim Liebe machen einfach in die Ecke stellen.“ Diesmal erspare ich mir den Hinweis auf das Ficken und kann nur noch Augen rollend, aber grinsend mit meinem Kopf schütteln. „Ach, Thea.“

Von Männern und Eiern


Samstag, später Nachmittag. Schon zig Mal habe ich mir vorgenommen, nicht mehr um diese Zeit meine Einkäufe zu erledigen, aber bisher hat das nichts genutzt. Mit einem Pappkarton voll Lebensmitteln beladen, biege ich hektisch um das Süßigkeitenregal im Penny Markt und komme beinahe zu Fall.

Vor mir hockt einer.

Er hockt auf dem Boden, mitten im Gang. Schmal, unscheinbar, uneitle schwarze Stoppelhaare. Er ruht. Um ihn herum tobt das Leben; zwei Liter Milch, ein Pfund Butter und saure Sahne, aber seine Aufmerksamkeit gilt Eiern. Ich kann gerade noch mit einem Ausfallschritt in Richtung Käse einen Zusammenstoß verhindern, aber dieser Kerl gibt sich vollkommen unbeirrt.

Unverschämt.

Drei kleine Mädchen, Zöpfe und Ranzenmonster schieben sich erst an mir und dann an ihm vorbei. Drängeln, schubsen, sie sind laut, kreuz und quer. Kleine Mädchen müssen aufgeregt sein, wenn sie vor dem großen Regal mit Süßigkeiten stehen und sich nicht entscheiden können. Es ist zum Schmelzen heiß hier drinnen, aber der auffällig Unauffällige zupft seine graue Windjacke zu Recht und konzentriert sich. Die Hälfte hat er schon geschafft, die nächste Pappstiege auf die Seite verfrachtet. Jetzt bloß keine Unterbrechung
Sein Blick fleht für einen Wimpernschlag, ich bleibe mit gebanntem Blick an ihm hängen. Noch ein kurzes, aufgeregtes Beschließen und die kleinen Mädchen trollen sich mit Schokolade und Gummibärchen in Richtung Kasse.

Die Erleichterung des Mannes am Boden hängt wie ein Urteil in der Luft. Wer interessiert sich schon für gummierte Bären, wenn er sich mit Eiern beschäftigen kann.

Er nicht.

Vorsichtig greift er das nächste Exemplar. Er führt es vor sein Gesicht. Liebevoll. Hoffnungsvoll. Er schüttelt. Ich kann mich nicht trennen.

Zack.

Ein Einkaufswagen rammt den gebeugten Rücken. Das Ei ist sicher, aber der Körper zuckt kurz auf. "Sie sitze im Weech." Einkaufswagenfahrerinnen sind rabiater als ihre männlichen Kollegen. Die, mit violett gefärbten kleinen Löckchen und blassen Blümchenblusen, die sind besonders hart. "Sinn sie net a Bissche zu alt für son Quatsch!" Die Worte fallen auf den Boden. Beinahe ungehört.

Ich warte darauf, dass irgendwer mich von der Seite anquatscht und wissen will, warum ich noch immer an derselben Stelle verharre. Ein Penny Markt ist nix, wo man bleibt.

Der am Boden beherrscht sich. Sein rechter Daumen fährt zärtlich über die orange-weiße Alufolie. Das Knistern verschafft Knistern. Er schüttelt das Ei ein zweites Mal. Wieder ein kleines Klappern. "Gott sei Dank, es ist noch da. Gott sei Dank!" Dem kleinen Klappern folgen ein kleines Lächeln und das Glück des Wissenden. Drei weitere Stiegen voll mit Hoffnung, wenn es auch sonst nichts zu hoffen gibt.