Mein Kieferchirurg ist ein großer, ungelenker Kerl. Vermutlich um die Fünfzig, mit leicht nach vorn gebeugten Schultern und ein spärlich blonden Locken. Ein beachtlicher Teil seiner Haare befindet sich in einem undefinierbaren Übergangsstadium. In Richtung Grau. Er hat stechend grüne Augen und auffällig lange, schmale Finger. Ich frage mich, ob es eigentlich üblich ist, sich von seinem Arzt betatschen zu lassen. Breitbeinig auf einem kleinen Drehstuhl hockend, liegen seine Hände auf meinen Brustkorb. „Na, dann wollen wir mal. Ihr Weißheitszahn dürfte gleich Geschichte sein.“ Möglich, er hat nur im Sinn, mich zu beruhigen. Schließlich zupfe ich seit ein paar Minuten imaginäre Fussel von meinem schwarzen Kordrock. „Die Stiefel hätten es auch verdient mal wieder ordentlich geputzt zu werden.“, schießt es mir durch den Kopf, und dass ich nicht hier sein will. Da habe ich auch schon die chirurgischen Hände vor meinem Gesicht. Die, und eine kleine, gemeine Spritze. Eine Kanüle, festgeklemmt in einem chromfarbenen Schiebemechanismus, mit einer dünnen, aber ausgesprochen spitzen Nadel. „Was ist das denn für ein Ding.“ Ein solches Gerät habe ich bisher noch nie zu Gesicht bekommen und es wäre mir auch lieber, es wäre dabei geblieben. „Praktisch, nicht wahr.“ Das glänzende Gerät wird vor meinen Augen aufreizend hin und wieder zurück gedreht. Der Daumen in den abgerundeten Griff gesteckt. „Wissen Sie, was das Tollste daran ist.“ Ich schüttele den Kopf. „Nein.“ Was kann noch toller sein, als die vielen Ampullen auf der Ablage des Rollschränkchens, die hundert verschiedenen Haken und Zangen auf dem großen Tablett, oder der Geruch, der mich schon weit vor Betreten dieser Praxis empfangen hat. „Man kann die Dinger mit nur einer Hand bedienen.“ Die Augen des Mannes blitzen und er zieht mit einer kurzen Bewegung des rechten Daumens, den Stempel der Spritze nach oben. Ganz dicht fuchtelt er damit vor mir herum, sein Gesicht verschwörerisch nah neben meinem Ohr. „Früher musste man für solche Eingriffe immer beide Hände an der Spritze haben und konnte den Mund des Patienten nur schwer offen halten. Da hat man schon mal daneben gespritzt.“ Über meine Linke wird dem Arzt ein röchelnder Absaugschlauch angereicht und zwischen meinen verschreckt aufgerissenen Lippen platziert. „Nehmen Sie, verdammt noch mal, diesen Gummipfropfen ab.“ Die Assistentin patzt zurück. „Aber.“ Das ist allerdings alles, was aus ihrem perfekt dunkelrot geschminkten Mund kommen kann. „Ist mir egal.“, fährt der Chirurg sie an. „Ich sage, ich will das so und dann wird das genauso gemacht.“ Über meinem Kopf schießen zwei helle Blitze hinweg und ich würde nichts lieber tun, als mich höflich zurückziehen. Bloß, die langen Finger in Einmalhandschuhe verpackt, nähern sich vollkommen ignorierend meinem Mund, dem Wangeninneren, dem Zahnfleisch. Das Zeug aus der Spritze schmeckt scheußlich nach pissgelben Krankenhauswänden und Blut. „Wir warten jetzt kurz und dann kann es sofort losgehen.“ Mein Arzt verlässt erklärungslos das Behandlungszimmer.
Drei Minuten später lässt er sich mit einer ziemlich soliden Zange wieder neben mir nieder. Ohne irgendetwas zu sagen, testet er das Innere meines Mundes aus. „Aua.“ Er lässt sofort von mir ab und wirft mir einen Blick zu, den ich nicht einordnen kann. „Da müssen wir wohl noch einen Moment abwarten.“ Das müssen wir wohl. Er kratzt sich an der Augenbraue und schickt ein paar unbestimmte Blicke hinaus aus dem Fenster. Es regnet kräftig auf die Zweige einer nackten Pappel. „Wussten Sie, es gibt hundert alte Wege, um Fell zu gerben.“ Er wendet sich zu mir zurück. „Es gab so genannte billige, aber auch edle Verfahren. Die Felle für Leute, die Geld hatten.“ Ich kaue mir vorsichtig auf der Wange herum, aber noch verspüre ich lediglich ein lahmes Bitzeln, das eine Betäubung erahnen lässt. „Da, die Rinde von einer Pappel, damit hat man die Felle braun gemacht. Das war noch ehrliches Handwerk. Nicht so ein Gepfusche, wie Sie es heute an jeder Ecke finden. Da legte man noch Wert auf Tradition.“ Er greift erneut die Zange vom Rollschränkchen und wackelt verhalten an dem zu ziehenden Zahn herum. Ich kralle meine Fingernägel in das Sitzleder unter mir. Beschwichtigend schüttelt er den Kopf. „Das mit dem rötlichen Fell, darauf komme ich später zurück.“, sagt er und ich bleibe ein weiteres Mal mit seiner freundlichen Assistentin zurück. Sie trägt eine schmale silberne Kette um den Hals, mit einem winzigen Delphinanhänger. Sie lacht. „Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben bis fünf Uhr Zeit.“ Es ist noch nicht einmal zwei Uhr mittags.
Um halb drei kann ich meine Zunge noch immer perfekt spüren. Und reden. „Was machen wir jetzt?“, sucht mich Vergiftungsparanoia heim. „Da wird uns nichts anderes übrig bleiben, als weiter zu betäuben.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich sehen will, was in diesem Moment auf meinen Mund zukommt. „Das haut Sie nicht aus den Schuhen. Versprochen.“
Ich nehme nur eine neue Spritze wahr. Dieses Exemplar ist dicker als ihre Vorgängerin, aber was noch viel unangenehmer ist: ihre Nadel ist dramatisch länger und wesentlich dicker. Wäre ich in diesem Augenblick uneingeschränkte Herrin über den freien Willen, würde ich dieser Frechheit mit einem deutlichen Klaps ein Ende setzen. Finger weg. Ich brauch das nicht. Ich will das nicht. „Mal sehen, was passiert. Wie Ihnen diese hier bekommt.“, scherzt der Chirurg an einer Stelle, an der die Assistentin zu meiner Linken nur Mitleid aufbringen kann. Sie hat ein schier unerträglich, verständnisvolles Glänzen im Blick. Mich drückt das dringende Bedürfnis sie zu trösten und ihr zu sagen, dass das schon in Ordnung ist. Ich war schon häufiger in meinem Leben einsam. Ein fieses Stechen zwischen zweien meiner Backenzähne hält mich davon ab, auf ihre Sorge einzugehen. Lediglich ein schmerzverzerrtes Gurgeln bringe ich noch hervor.
„Fragen Sie nicht, warum. Das führt zu nichts.“, betritt der Arzt dieses Mal das Behandlungszimmer, mich sehr bestimmt belehrend. Ich befinde, dass das Grün seines Strickpullis sich mit den dunkelgrünen Bezügen des Behandlungsstuhles beißt und, dass ich mit diesem philosophischen Ratschlag gerade nichts zu tun haben will. Ich würde schon gerne erfahren, warum die verdammten Spritzen nahezu keinerlei Wirkung zu haben scheinen. Schließlich bin ich es, die sich nach der dritten Spritze, noch immer auf die Lippe beißen und den Schmerz deutlich spüren kann. „Bei Kiki“, der Mann deutet auf seine Assistentin, „habe ich im vergangenen Jahr für eine Extraktion geschlagene sechs Stunden gebraucht, bis wir endlich operieren konnten.“ Seine Hand liegt erneut komfortabel auf mir. Die Frau mit der akkuratesten Fönfrisur, die ich je gesehen habe, nickt bestätigend und krümmt sich dabei nicht das winzigste Härchen. „Ich sage Ihnen, das war ein wirklicher Klopper.“, tätschelt der Chirurg meine Schulter, bevor er erneut nebenan verschwindet. Ich höre ihn auf Englisch über einen vereiterten Nerv referieren. Holprig, aber sachkundig beruhigend. Eigentlich. Es ist trotzdem nichts, was ich in meiner Situation wirklich wissen möchte, ich konzentriere mich auf die Aufhängung der Deckenbeleuchtung.
„Sehen Sie, während Sie hier warten, haben wir dem kleinen Kerl nebenan mal eben so einen eitrigen Nerv entfernt. Wir vergeuden keine Zeit.“ Schon steht mein Chirurg wieder an meiner Seite. Ich spüre erste Anzeichen von Ungeduld. Mir fällt auf, für jemanden mit seinem Beruf hat er ziemlich gelbe Zähne. „Ihr Begleiter ist für eine Zigarette vor die Tür gegangen.“, ruft mir die Sprechstundenhilfe hinter dem polierten Wurzelholztresen fröhlich durch den Türspalt zu. Und wie zur Bestätigung meines gerade gewonnenen Eindrucks setzt der Chirurg hinterher: “Eine Zigarette. Ach, die könnte ich jetzt auch gebrauchen.“ Dabei fixiert er mich mit konzentriert gerunzelten Augenbrauen und ich bin kurz davor, ihm eine Gauloises aus meiner Handtasche anzubieten. „Wenn Sie wollen.“ Er winkt ab. „Ach was. Wir wollen Sie jetzt hier erst mal versorgen. Ich will Sie nicht noch Ewigkeiten quälen.“ Die Assistentin schickt mir ein tröstendes Lächeln und beginnt ihrerseits mir die Wange zu streicheln. „Ich versuche es jetzt noch einmal. Ansonsten müssen Sie noch einmal wiederkommen.“
Das ist das Allerletzte wonach mir der Sinn steht, also reiße ich meinen kleinen Mund speerangelweit auf und schicke eindringliche Warnungen an meinen Körper, dass ich nicht bereit bin, dieses Szenario noch ein weiteres Mal auf mich zu nehmen. Um keinen Preis komme ich zurück, nur weil meine Wange sich nicht betäuben lässt. Nicht mit mir!
Mitten im masochistischen Ausstaffieren dieses Alptraums werde ich jäh von einem lauten Knacken unterbrochen. Stolz legt der Chirurg ein blutiges, weißes Etwas auf meinem Dekollete ab. „Der Kerl hat tatsächlich schon bessere Zeiten erlebt.“ Als hätte ich gerade mein erstes Kind zur Welt gebracht, klopft der Mann mir anerkennend auf die Schulter. „Aber, ich habe Ihnen gesagt, das Ziehen an sich wird ein Leichtes.“
Ich flehe die Assistentin mit meinem Blick inständig an, dieses Ding von mir zu entfernen und mich endlich meiner Wege ziehen zu lassen. Für einen winzigen Wimpernschlag bilde ich mir ein, ich würde nach überstandener Tortour einfach davonkommen. Sie reicht mir einen Pappbecher mit Wasser. „Warten Sie. Bleiben Sie lieber noch einen Augenblick liegen. Man weiß nie. Das war eine ordentliche Ladung Anästhetikum.“ Ich gebe mich geschlagen, ein Gefühl, das ich in den vergangenen zwei Stunden geradezu perfektionieren konnte, und versuche mit geschlossenen Augen all das unterschiedliche Grün, den Geruch und den Wurzelholtresen auszublenden.
„Machen Sie es gut.“ Mein Begleiter hilft mir in den Mantel, während ich mich von dem Chirurgen verabschiede. Der steht mitten im Gang und zieht lustvoll das nächste Paar beigefarbener Gummihandschuhe über seinen ausgestreckten Fingern glatt. Dabei schickt er ein kleines Quietschen durch den Raum. „Und glauben Sie mir. Fragen Sie nie nach dem WARUM.“ Er winkt und verschwindet zu seinem nächsten, unbekannten Patienten. Oder einem, der gestern schon da war. Es macht nicht den Eindruck, als könne irgendetwas diesen Mann von seinem Weg abbringen, während ich auf meinen Weg zum Fahrstuhl irgendwie das Gefühl habe, zu spät gekommen zu sein.


