„ Ich denke, ich werde jetzt gehen.“ Der Satz kommt überraschend spitz aus meinem Mund, aber ich bin müde und langweile mich. Keine Ahnung wie lange ich schon auf den Knien des Mannes hocke und wann er damit angefangen hat, seine Hand unter mein T-Shirt zu schieben und meine Brüste zu kneten. Nicht, dass mir das unangenehm wäre, aber nach dem vierten Glas Wodka finde ich Fummeln anstrengend. „Ich will in mein Bett.“, erhebe ich mich schwankend und stecke die lackierten Fußzehen zurück in die hochhackigen Stilettos. „Und komm nicht auf die Idee, dass sei irgendwie eine Einladung.“ Es ist abstoßend meine Lippenstiftfarbe in seinen Mundwinkeln zu entdecken. Ich kneife die Lider zusammen und wundere mich, warum ich manchmal so feindselig bin. „Nein, nein, schon in Ordnung.“, murmelt er und bringt seinen Hosenbund in Ordnung.Nach der überfüllten Hitze im dritten Stock schlägt mir vor dem Haus die feuchte Kälte eines Novembermorgens scharf entgegen. Irgendwo schreit ein Baby und es riecht nach eingelegtem Sonntagsfleisch. Die Vorstellung auf dem Absatz umzudrehen hängt inmitten meines nebeligen Atems und für einen Moment überlege ich, ob ich wieder hinauf gehen soll. Zurück zu den betrunkenen Fingern. Doch das wäre gegen die Regeln. Und gegen den Spaß. Also trete ich entschlossen den Heimweg an.
Als Kind fand ich es amüsant, überall herumzuerzählen, meine Familie sei fürchterlich katholisch. Ein Haus voller Kruzifixe, Demut und gedünstetem Fisch am Freitag. Oder ich habe mir den Bauch gehalten, behauptet, ich hätte seit Tagen nichts gegessen. Besonders die besorgten und mitleidigen Blicke der Lehrer, Erwachsene die mir liebevoll über den Kopf streichelten und ein Fünf-Mark Stück in die Kinderfaust drückten, machten dieses Spiel zu einer wahren Lust. So tun als ob, bis es langweilt.
Das Geräusch meiner Absätze biegt mit mir, nach links, in eine kleinere Straße ab. „Nur noch Minuten.“, freue ich mich bei dem Gedanken an die Stille und an die Wärme in meiner Wohnung. Auf der Party ist es laut gewesen. Ich male mir aus, mit der Erinnerung von Lärm und Leuten in meinem Bett zu liegen. Mitten in die aufflackernde Freude über eine halbe Flasche Wodka im Kühlschrank, schiebt sich ein pelziges Unbehagen in den Hals und ein Frösteln unter meine Haut. Meine Schritte sind nicht mehr die Einzigen, die von den hohen Häuserwänden hallen. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig läuft ein Mann.
Er schleicht über das alte, holprige Pflaster. Instinktiv beschleunige ich die Frequenz. Der Rhythmus auf der anderen Straßenseite wird ebenfalls schneller. Ich laufe langsam, die anderen Schritte merklich ruhiger. Ich schneller, er schneller. Ich langsamer, er langsamer. Ein Auto kommt von hinten herangefahren und für einen kurzen, unbeteiligten Augenblick unterbricht der verbeulte, weiße Wagen unseren Rhythmus. In der Hoffnung, dass es nicht auffällt, drehe ich meinen Kopf leicht zur Seite. Es ist nicht viel, was der Fremde auf der anderen Seite preisgibt. Auch wenn er alle paar Meter unter das Licht einer Laterne tritt, der Moment taugt nicht, um die Sinne scharf zu stellen. Allein, er hat die Schultern außergewöhnlich hochgezogen und versteckt sich, wie ein lauerndes Tier, zwischen den Polstern einer grünen Armeejacke. Mir fällt ein, ich habe mich von niemanden auf der Party verabschiedet. Ausgenommen von dem mit den betrunkenen Fingern, aber was die gerade treiben, will ich lieber nicht wissen. Also marschiere ich am Blumengeschäft und der, mit einem rostigen Eisengitter verschlossenen, Postfiliale vorüber und umklammere dabei den Schlüsselbund in meiner Handtasche. Das Geräusch der fremden Schritte fest im Ohr.
Meine nackten Zehen schieben sich über den Rand der Stilettos und kratzen über das Kopfsteinpflaster. Ein sauer, scharfer Geschmack drängt über den Schmerz, aus der Magengegend durch die Kehle, auf meine Zunge. Mir ist speiübel und ich muss alle Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht sofort auf die Straße zu kotzen. Kopf an Magen. Drei Hausnummern. Das schafft man doch. Noch ein paar Schritte unerschrockene Sicherheit simulieren und sich nichts anmerken lassen. Drei Meter, ein Meter, einen halben Meter vor dem Ziel strecke ich die Hand nach dem Schloss aus. Zentimeter vor der Haustür, spüre ich den feuchten Atem des Fremden drängend hinter meinem linken Ohr. Die eben besiegt geglaubte Übelkeit schießt zurück an den Gaumen.
„Junge Frau.“ Ich zwinge mich zu einem tiefen Luftzug und dazu, meinen Gesichtszügen einen drohenden Ausdruck zu verleihen. Erst dann drehe ich mich um und bemerke erstaunt, wie klein der Fremde ist. „Entschuldigen Sie bitte die Störung. Guten Morgen.“ Er räuspert sich. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber wissen Sie, ich bin Exhibitionist.“ Mir gelingt es kaum ein kehliges: „Ja und.“, hervorzupressen. Der Mann holt seinerseits tief Luft. „Ich. Also, ich weiß nicht genau wie ich es sagen soll, aber würden Sie vielleicht kurz schauen.“ Ich verschlucke mich. Husten. „Wie bitte?“ Die Stimme zwischen der olivgrünen Jacke und der tief über die Ohren gezogenen Strickmütze ist gläsern und brüchig. „ Ich bin Exhibitionist und laufe seit Stunden durch diese Kälte. Niemand ist auf der Straße. Niemand, verstehen Sie.“ Dieses Mal verschluckt er sich. „Und deshalb, würden Sie vielleicht einen kurzen Blick werfen.“, unternimmt die Stimme einen zweiten Versuch. Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber in meinem Gesicht macht sich ein Grinsen breit. „Bitte, wie?“ Der Mann hinter der Stimme ist blass, vielleicht Anfang fünfzig. Er sieht müde aus. Er räuspert sich umständlich und wackelt dabei mit dem Kopf. Ich schiebe die Hände ein Stückchen tiefer in die Taschen meines nagelneuen Lammfellmantels. „Könnten Sie vielleicht kurz einen Blick werfen.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch und spüre den gleichen Tonfall in der Stimme, den ich schon auf der Party bemerkt hatte. Das gleiche seifige Gefühl, einer sinnlosen Sache überdrüssig zu sein.
„Nein danke, ich denke das ist nichts für mich.“
Die schwachblauen Augen flackern nervös.
„Vergessen Sie es.“
Ich habe den Eindruck in das Gesicht von Bugs Bunny zu sehen.
Nur die langen, abstehenden Ohren sind nirgends zu entdecken.
„Außerdem, ich dachte Ihr Jungs seid auf Frauen aus.“
Das Gesicht zuckt getroffen. „Aber Sie sind doch eine Frau.“
In meinem Kopf beginnt sich etwas zu drehen. Immer schneller. Demonstrativ drücke ich das Kreuz durch, weil mir meine Mutter in den Sinn kommt. Die findet, dass das Leben zu kurz ist und zu ernst, um sich irgendwelche Identitäten zu zulegen. Um irgendwelche Spiele zu spielen.
„Ich bin ein Mann. Ein Kerl, verstehen Sie.“
Das Gesicht über der Jacke widerspricht. „Ich sehe das doch ganz genau. Sie sind eine Frau.“ Ich zucke mit den Achseln. Das Bugs Bunny Gesicht verschwimmt und seine Mundwinkel flattern „Sie sind eine Frau, die stinkt wie eine Eckkneipe.“, spuckt es mir entgegen. Ich muss feststellen, dass sich auf meinen Zehen eine blutige Kruste bildet. „Und eine, die glaubt was Besseres zu sein. Besser als die Anderen. Pah!“ Der Fremde kneift die Lider über den winzigen Augen zusammen und unterbricht seinen schmetterlingshaften Wutanfall. Abrupt. Er schweigt. Und schweigt. Und schweigt. Mich beschleicht das Gefühl, unerwünscht zu sein. Ich starre auf die geschlossenen Augenlider. Es macht nicht den Eindruck, als würden sie sich je wieder öffnen.
Die verlassene Leere meiner Wohnung kommt wie ein Schock. Der Gedanke daran, dass der kleine Mann noch immer unten auf der Straße steht und seine Augen zusammenkneift, hält mich davon ab, das Licht einzuschalten. Bis in die Küche und zu den Holzstühlen, die dort seit einer lange verschütteten Liebe herumstehen. Ich greife einen der alten Dinger. Auf dem Weg, zurück durch den Flur, bleibe ich an einem Kabel hängen. Das Telefon kracht laut auf den Boden, aber ich konzentriere mich mit zitternden Fingern darauf, die Stuhllehne unter der Klinke der Korridortür zu verkanten.
Schweißperlen auf der Stirn und im Nacken, wage ich mich schließlich an das Balkonfenster.
Der Bürgersteig vor dem Haus, die Straße, der Weg bis zur nächsten Straßenecke sind verlassen. Menschenleer. Er ist fort. Nichts macht den Anschein, als sei er überhaupt jemals da gewesen. Verwirrt lasse ich mich auf mein Bett fallen. Die Satinbezüge sind eiskalt. „Ich hätte unbedingt den Ofen heizen sollen.“, ertrage ich die Stille nicht und weil es zum Kühlschrank und meiner Wodkareserve viel zu weit ist, greife ich nach der Fernbedienung.
Vor mir eine grüne, freundlich langweilige Sommerlandschaft. Blaues Licht erobert den Raum. Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands. Ich mag das Programm. Niemals sind Menschen neben den Gleisen oder an den Bahnhöfen zu sehen. Niemand, neben dem man sich einsam fühlen kann. Durch die Dunkelheit hindurch, lege ich meine Hand auf den Bildschirm, unter den Fingerkuppen knistert es angenehm. Die dicken roten Ziffern des Radioweckers zeigen drei Uhr zehn. Es ist noch früh. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf.
Es ist früh genug, um morgen rechtzeitig aus dem Bett zu kommen und sich ins Auto zu setzen. Meine Mutter wird mit erstaunten Augen in der Tür stehen und sofort in den Keller eilen, um einen Pflaumenkuchen vom vergangenen Sommer aus der Tiefkühltruhe zu holen. Es wird nach warmer Hefe und viel zu dünnem Kaffee riechen und aus dem beigefarbenen Küchenradio werden leise die Töne irgendeines Sonntagskonzertes tropfen. Umhüllt von der vertrauten Mittelmäßigkeit meiner Kindheitserinnerungen, stelle ich den Wecker, ziehe ich die Beine an und gähne genussvoll. Es kann mir überhaupt nichts passieren.
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