Freitag, 31. August 2007

Von Männern und Eiern


Samstag, später Nachmittag. Schon zig Mal habe ich mir vorgenommen, nicht mehr um diese Zeit meine Einkäufe zu erledigen, aber bisher hat das nichts genutzt. Mit einem Pappkarton voll Lebensmitteln beladen, biege ich hektisch um das Süßigkeitenregal im Penny Markt und komme beinahe zu Fall.

Vor mir hockt einer.

Er hockt auf dem Boden, mitten im Gang. Schmal, unscheinbar, uneitle schwarze Stoppelhaare. Er ruht. Um ihn herum tobt das Leben; zwei Liter Milch, ein Pfund Butter und saure Sahne, aber seine Aufmerksamkeit gilt Eiern. Ich kann gerade noch mit einem Ausfallschritt in Richtung Käse einen Zusammenstoß verhindern, aber dieser Kerl gibt sich vollkommen unbeirrt.

Unverschämt.

Drei kleine Mädchen, Zöpfe und Ranzenmonster schieben sich erst an mir und dann an ihm vorbei. Drängeln, schubsen, sie sind laut, kreuz und quer. Kleine Mädchen müssen aufgeregt sein, wenn sie vor dem großen Regal mit Süßigkeiten stehen und sich nicht entscheiden können. Es ist zum Schmelzen heiß hier drinnen, aber der auffällig Unauffällige zupft seine graue Windjacke zu Recht und konzentriert sich. Die Hälfte hat er schon geschafft, die nächste Pappstiege auf die Seite verfrachtet. Jetzt bloß keine Unterbrechung
Sein Blick fleht für einen Wimpernschlag, ich bleibe mit gebanntem Blick an ihm hängen. Noch ein kurzes, aufgeregtes Beschließen und die kleinen Mädchen trollen sich mit Schokolade und Gummibärchen in Richtung Kasse.

Die Erleichterung des Mannes am Boden hängt wie ein Urteil in der Luft. Wer interessiert sich schon für gummierte Bären, wenn er sich mit Eiern beschäftigen kann.

Er nicht.

Vorsichtig greift er das nächste Exemplar. Er führt es vor sein Gesicht. Liebevoll. Hoffnungsvoll. Er schüttelt. Ich kann mich nicht trennen.

Zack.

Ein Einkaufswagen rammt den gebeugten Rücken. Das Ei ist sicher, aber der Körper zuckt kurz auf. "Sie sitze im Weech." Einkaufswagenfahrerinnen sind rabiater als ihre männlichen Kollegen. Die, mit violett gefärbten kleinen Löckchen und blassen Blümchenblusen, die sind besonders hart. "Sinn sie net a Bissche zu alt für son Quatsch!" Die Worte fallen auf den Boden. Beinahe ungehört.

Ich warte darauf, dass irgendwer mich von der Seite anquatscht und wissen will, warum ich noch immer an derselben Stelle verharre. Ein Penny Markt ist nix, wo man bleibt.

Der am Boden beherrscht sich. Sein rechter Daumen fährt zärtlich über die orange-weiße Alufolie. Das Knistern verschafft Knistern. Er schüttelt das Ei ein zweites Mal. Wieder ein kleines Klappern. "Gott sei Dank, es ist noch da. Gott sei Dank!" Dem kleinen Klappern folgen ein kleines Lächeln und das Glück des Wissenden. Drei weitere Stiegen voll mit Hoffnung, wenn es auch sonst nichts zu hoffen gibt.

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