Mittwoch, 26. September 2007

Der Schwan

Ich bin müde. Es ist längst spät in der Nacht, aber ich kann weder schlafen, noch meine Gedanken vom Rest eines unsäglichen Tages abwenden. Mein Kopf versucht, wieder und wieder, einen Ausweg zu finden.

Irgendeinen Durchschlupf, der Erleichterung bringen könnte.

Am Morgen, Espresso und viele Zigaretten. Ein Schwan sitzt mir gegenüber. Ein Schwan in weißem Leinen, mit weißen Schuhen. Die Augenbrauen sind blondiert. So geschickt, als wäre eine leichte Sommersonne darüber hinweg gegangen.

Mein Freund Hagen.

Im Studium sehe ich ihn zum allerersten Mal und bin auf der Stelle hingerissen. Mitten im Sommer, barfuss auf der Wiese vor der Hochschule. Inmitten der Coolen und der Schönen. Es folgen unendlich viele Nächte. Lange Nächte, Alkohol, ein paar Drogen und all der Kram, der Mitte Zwanzig an einem haftet. Ich habe sogar einmal Sex, wissend, er schnarcht irgendwo am anderen Ende des dunkeln Raumes. Wochenlang haben wir darüber gelacht. Ich brauche ihn, er braucht mich. Wir kleben aneinander, auch wenn wir uns nicht sehen.

Dieses Mal, vier Jahre.

Hagen bringt Brötchen mit und ich realisiere, das war sein letztes Geld.

Sein Gesicht, die hektisch in der Luft sprechenden Hände, mit den akkurat gefeilten Fingernägeln, und grundsätzlich ein offener Knopf zuviel am Hemd, all das hatte ich stets bei mir. Jeden Anflug von Sehnsucht konnte ich damit überstehen. Heute scheinen diese Rettungsanker unerschließbar daher zu kommen. Oder geben sich aus Angst derart befremdlich, dass Ablehnung und Distanz der erträglichere Weg zu sein scheinen.

Ich beschließe einen weiteren Kaffee zu kochen. Um die Form zu wahren und weil ich gerade keine Lust habe, mir noch eine Zigarette anzustecken. In der kleinen Küche, mit den schokoladenbraun gestrichenen Wänden, stinkt es längst fürchterlich nach kalter Asche und Enttäuschung. Alles muss besser sein, als den Satz herauslassen, der ungeduldig wie ein Mückenschwarm auf meiner Zunge surrt. „Zur Hölle, du Idiot! Warum konntest du nicht aufpassen.“, will ich schreien. „Dass ich nicht lache.“ Wozu all diese Umzüge, roten Schleifen am Revers und all das Reden. Nächtelang. Ohne Rücksicht auf Verluste. „Diese elende Herumfickerei!“, brennt es auf meinen Lippen. Ich kann mich gut erinnern, wie sehr Hagen mich verspottet und beschimpft hat. Nach einer Nacht in fremden Armen. Weil ich mir selbst die Souveränität über den Akt absprach, weil ich nachlässig war und nicht auf ein Gummi bestanden hatte. Ich bombardierte mich mit Selbstzweifeln, während meine Achtung für Hagen gleichzeitig ins Unermessliche schoss. Für derartige Dummheiten hielt ich ihn zu gewieft. Und jetzt. Zehn Jahre später ist er es, den es erwischt hat, aber das nützt mir überhaupt nichts. „Dem Tode geweiht.“, betrachte ich ihn aus verschreckten Augen und versuche meinen Atem in den Griff zu bekommen. Das brauche ich ihm nicht zu sagen, das weiß er selbst und übertrieben ist es auch. Zunächst.

„Weißt du, ich habe irgendwie das Gefühl all diesen Druck los zu sein. All diese Anstrengung, das brauche ich nicht mehr.“ Hagen lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. „Ich kann jetzt jeden Tag einfach für sich nehmen.“ Ich habe den Eindruck, mit jedem Augenblinzeln auf meiner Seite des Klapptisches lösen sich die Konturen auf seiner Seite brüchig in ein Nichts auf.

„Vielleicht bin ich auch einfach nur zu blöde und kapiere es nicht.“, denke ich. Da wird eine Katharsis gepriesen, die sich als Selbsterfahrung präsentiert und die entblößt nichts anderes als eine abgefuckte Konsequenz ist. Geht es wahrhaftig um die alte Herdplatte, auf deren Glühen ich meine Finger partout nicht legen will, um nicht verbranntes Fleisch zu riechen. Oder schreien da lediglich meine persönliche Panik, meine Anteilnahme, verpackt in abgegriffene Mitleidsfähnchen.

“Do you recognize the one you knew before? Do you see the closing door?” Ein alter Songtext breitet sich in meinen Adern aus, während mein Puls versucht dagegen zu protestieren.

Seit Tagen hängt trübes Licht über der Stadt, das am Abend ohne große Warnung in tiefstes Schwarz übergeht. Der Schwan ist in einen Bus gestiegen. Zurück in seine Stadt. Vor zehn Jahren, da lebten wir noch Tür an Tür. Jetzt trennt uns beinahe alles.

Auf meinen Lippen macht sich ein stumpfes Pochen breit. Morgen werden mich melodramatische Herpesblässchen schmücken. Ich fühle mich melodramatisch im Angesicht dieses Schwanensee Dramas. Ich möchte heulen. Das ist viel zu schmerzhaft. Als müsste ich die Scherben eines heruntergefallenen Glases schlucken.

„Verdammt! Hagen, du bist doch nicht dumm!“ Mein Schwan, der kann doch denken, er kann singen und nichts kann ihm etwas anhaben. Abgesehen von seiner Leichtigkeit, die dieses Mal vielleicht in Leichtsinn umschlagen ist. „Ich hätte Dich aufgehalten, wäre ich dabei gewesen.“, jammert es in mir. Seine große Liebe, die war es nicht. Die ist es wohl selten. Die Katastrophe gegen ein simples Abenteuer. „Fünf Minuten Arroganz.“ Mir ist weder nach Abenteuern, noch nach meinem eigenen Sarkasmus. Der schmeckt schal und nach aschgrauer Endgültigkeit. Mir ist schon gar nicht danach, nachmittags um fünf die Zähne zu putzen. Obwohl ein deutlich, pelziges Gefühl auf meiner Zunge danach schreit. Ich zünde mir die hundertste Zigarette des Tages an. „Was soll ich jetzt tun.“, seufze ich. Wissend, es ist niemand da, der mir zuhört. Und dass ich nichts tun kann. Draußen klatscht lautstark Wasser vom Himmel. Die alte Linde auf dem Kinderspielplatz biegt sich krachend im Herbstwind. Steif stütze ich mich auf das Fensterbrett aus Marmorimitat und starre vor mich hin. Es regnet herein und es ist mir so etwas von egal, dabei klatschnass zu werden. Drei braune Blätter fallen vor meinen Augen. Es ist eiskalt. Auch in mir. Mit ein bisschen Glück darf ich morgen wegen einer Erkältung im Bett bleiben und die Decke über den Kopf ziehen. Lange genug, um die Chance zu haben, das alles zu verkraften.