Freitag, 31. August 2007

Schildkrötenliebe

„Wir lieben sich eigentlich Schildkröten?“, kommt es von links. „Was bitte?“ Ich sitze mit meiner besten Freundin Thea im Zoo, es ist Sonntagnachmittag und die Sonne knallt von einem wunderblauen Sommerhimmel. „Wie sich Schildkröten lieben? Ich meine, diese Panzer. Ich habe mich immer gefragt, wie die das machen.“

Ich schaue in Theas Augen, deren Farbe mit dem Himmel in Konkurrenz treten könnten und wundere mich.“ Du meinst, wie Schildkröten ficken.“
Sie grinst verständnislos und stopft sich eine Handvoll Popcorn in den Mund. „Ach, du nun wieder. Das ist doch das Gleiche.“ Ich erhebe mich von der grünen Holzbank und schüttele den Kopf. Ob das das Gleiche ist, bin ich mir nicht sicher. „Komm, lass uns die verruchten Dinger gleich mal anschauen.“ Ich marschiere los in Richtung des Aquariums, in der Hoffnung, dort eine Antwort auf Theas Frage zu bekommen.

Auf dem Weg müssen wir beiden uns durch Kinderwagen, Hunde und andere Familienausflügler kämpfen, am Affengehege herrscht ein solches Tohuwabohu, dass kaum mehr auszumachen ist, wer vor und wer hinter den Gitterstäben Faxen macht. „Affen finde ich traurig.“, bemerkt Thea. „Also, zumindest im Zoo.“ Ich entschließe mich an dieser Stelle nicht nachzuhaken und kann gerade noch einem Knaben ausweichen, der mit seinem Roller über den Kies schießt.

Der Eingang am Aquarium ist glücklicherweise verwaist und der Mann an der Kasse heilfroh, endlich zwei Karten zu verkaufen. „Bei solchem Wetter kommt man sich ja regelrecht unnütz vor.“, murmelt er durch sein graues Schnauzbärtchen, „aber nun hat es sich ja doch gelohnt, meine Damen.“ Dem schickt er ein zweideutiges Grienen hinterher, das in seinem Alter allerdings an Unverschämtheit verliert. Thea legt spendabel das Eintrittsgeld vor der Scheibe ab, die uns von dem Alten trennt. „Is ja schließlich meine Frage.“, zwinkert sie verschwörerisch, kokett. Ich nicke und schiebe meine Freundin schleunigst zum Aufzug, bevor sie auf die Idee kommt, den Alten nach den Schildkröten zu fragen. Der Fahrstuhl hat schon bessere Zeiten gesehen, als ich auf den Knopf für das Stockwerk I Reptilien und Insekten drücke, ruckt er kurz an, stöhnt einen Moment, ruckt ein zweites Mal an und setzt sich erst dann schwerfällig in Bewegung. Manchmal würde ich Treppensteigen bevorzugen.

Oben angekommen stürzt Thea ohne Rücksicht auf Verluste den grünlichen Gang entlang, ich folge ihr. Langsam. Vorbei an glitschig aussehenden Tomatenfröschen und pelzigen, dicken Spinnen. “Komm schnell, Frau Hohlfelder. Beeil dich!“ Thea fuchtelt aufgeregt mit ihrem Zeigefinger in der Luft herum. „Ich glaube es nicht, wie auf die Bestellung. Ich schwöre dir, das tun die für uns.“ Ihre Augen kleben auf der großen Scheibe des Schildkrötenterrariums, auf ihren Wangen flackern unregelmäßige, ausgefranste rote Flecken. Ich folge ihrem Blick und tatsächlich, direkt vor uns, hinter der großen Scheibe turnen zwei der beeindruckenden Exemplare herum. Thea legt ihren Kopf schief und die Stirn in Falten.

„Also jetzt mal ehrlich, das sieht ziemlich unerotisch aus. Findest du nicht?“ Die hintere Schildkröte hat große Mühe sich auf dem Rücken der anderen zu halten und macht einen eher angestrengten, denn einen verzückten Eindruck. Der lange Hals, das wulstige Maul, ich könnte schwören sie hat Ähnlichkeit mit dem Alten an der Kasse. Irgendetwas lässt mich den Tieren diesen Anblick übel nehmen und ich muss mich wegdrehen. „ Na komm. Du hast es echt besser getroffen.“ Thea kickt mit ihrem signalroten Turnschuhfuß leicht gegen mein rechtes Bein, wofür ich ihr einen latent pädagogischen Blick zurückwerfe. „Wieso ich.“ Manchmal ist es unmöglich dem Zickzackkurs dieser Gedanken zu folgen. Thea streicht eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht und lacht mich breit und fordernd an. „Na, du kannst deine blöden Holzbeine beim Liebe machen einfach in die Ecke stellen.“ Diesmal erspare ich mir den Hinweis auf das Ficken und kann nur noch Augen rollend, aber grinsend mit meinem Kopf schütteln. „Ach, Thea.“

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